Monika Brüning

Mitglied des Deutschen Bundestages a.D.

Rede zum Volkstrauertag 19. November 2006 in Wunstorf



Es gilt das gesprochene Wort !!

Erich Kästner hat einmal gesagt:
Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind heißt - Krieg.

Meine Damen und Herren,

was wäre, wenn niemand an die Gedenkfeier zum Volkstrauertag erinnert hätte und
was wäre, wenn er nicht in unseren Kalendern stünde?

Es stellt sich auch die Frage, ob dieser Tag nicht zu einer Zeit gehört, die glücklicherweise längst überwunden ist? Muss unser Blick nicht nach vorne gehen und die Herausforderungen der Zukunft annehmen? Brauchen wir diesen Feiertag also noch? Und wenn ja, warum?

Ich glaube dieser Tag ist wichtig für uns!

Am Volkstrauertag werden überall in Deutschland Kränze an Ehrenmalen niedergelegt. Wir trauern um die Millionen von Menschen aller Völker, die in zwei Weltkriegen und während der Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben.

Für viele Ältere ist dieser Tag noch mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Erinnerungen an die Schrecken der NS-Zeit, an den Krieg, weil der Vater, die Mutter, der Sohn, der Bruder, der Freund oder der Nachbar zu den Opfern zählten, gefallen oder vermisst waren.

Doch was bedeutet er für die nachwachsende Generation - ist dieser Gedenktag vielleicht nur ein Zeremoniell, dass sie nicht mehr berührt, da sie diese Menschen vielleicht nur noch von einem verblassten Schwarz-weiß-Foto kennen.

Dies kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Denn für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, in Frieden und Freiheit zu leben. Unvorstellbar das Deutschland und seine Nachbarländer miteinander Krieg führen könnten.

Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge beschreibt die Bedeutung dieses Gedenktages als einen wesentlichen Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Er konfrontiert uns mit der Vergangenheit und dem Auftrag, das Vermächtnis der Opfer zu erfüllen, in dem wir uns nachhaltig für ein friedliches Zusammenleben einsetzen.

Inzwischen sind mehr als 60 Jahre seit Kriegsende vergangen. Je mehr uns die Generation der Zeitzeugen verlässt, umso mehr drohen die dahinterstehenden Schicksale in Vergessenheit zu geraten.

Der Volkstrauertag ist deshalb in der Form wie wir ihn heute begehen, vor allem ein Tag des Innehaltens und des Erinnerns. Wir gedenken heute gemeinsam der Millionen Opfer aus den beiden Weltkriegen. Und wir machen uns dabei bewusst, dass nicht der Krieg der Ernstfall ist, sondern wie es Gustav Heinemann formuliert hat - dass der Frieden der “Ernstfall” ist, ” in dem wir uns alle zu bewähren haben.”

Frieden zu schaffen und zu erhalten, ist nicht nur Aufgabe des Staates. Jeder Bürger ist aufgefordert, das Seine zu tun.
Frieden und Freiheit eines jeden Einzelnen ist aber nur dann möglich, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, diese Freiheit zu sichern und Verantwortung zu übernehmen.

Deshalb hat der Volkstrauertag auch heute noch - oder wieder - ganz aktuelle Bezüge:
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben bis heute weltweit über 200 Kriege stattgefunden! Die wenigsten in Europa, die meisten in der sog. “Dritten Welt”. Und 9 von 10 Kriegsopfern sind Zivilisten!
Dies zeigt, dass Frieden nicht allein die Abwesenheit von Krieg bedeutet, Frieden muss immer wieder neu erarbeitet werden und ggf. auch verteidigt werden.

Unsere Sicherheit kann aber nur im Rahmen einer internationalen Sicherheitsarchitektur gewahrt werden, deren Eckpfeiler die NATO, die EU, die OSZE und die UN bilden. Innerhalb dieser Sicherheitsarchitektur beteiligt sich die Deutsche Bundeswehr gemeinsam mit Streitkräften befreundeter Nationen und Partnern an friedenserhaltenden, stabilisierenden und auch friedenserzwingende Operationen.

Durch diese Einsätze trägt die Bundeswehr dazu bei, gewaltsame Konflikte zu verhindern oder zu beenden. Sie wirkt durch Abschreckung und Stabilisierung gegen die Verschärfung von Krisen und Konflikten und ermöglicht so die Konsolidierung von Friedensprozessen.

Diese Verantwortung hat auch Schattenseiten. Für die Erfüllung ihres Auftrages, setzen heute unsere Soldaten in den Auslandseinsätzen täglich ihr Leben aufs Spiel. Seit der Gründung der Bundeswehr im Jahre 1956 - also vor 50 Jahren - sind mehr als 2.600 Armeeangehörige im Dienst ums Leben gekommen. Bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr haben bereits 64 Soldaten ihr Leben verloren.

Familienangehörige, Freunde und Kameraden dieser toten Soldaten stellen sich täglich die Frage: “Warum?”.

Warum müssen Soldaten sterben, die den Menschen in den Krisengebieten der Welt helfen, ihr Land wieder aufzubauen? Warum ist die Welt nach dem Ende des Ost-West- Konfliktes nicht friedlicher geworden? Warum gibt es immer noch Kriege?

Fragen wie diese bewegen nicht nur die junge Generation. Es ist nicht leicht, Worte des Trostes zu finden gegenüber den Angehörigen der Soldaten, die bei Unfällen oder Anschlägen ihr Leben verloren haben. Umso wichtiger ist es, dass der Deutsche Bundestag und die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland die Einsätze der Bundeswehr mit breiter Mehrheit mittragen.

Meine Damen und Herren!

Wehrpflichtige, Reservisten, Berufs- und Zeitsoldaten tragen entscheidend mit dazu bei, dass wir in Europa frei und ohne Krieg leben können. Das ist es, was uns Zuversicht und Hoffnung gibt an diesem Tag. Es zeigt, dass Frieden nur dann dauerhaft zu wahren ist, wenn wir für ihn eintreten und ihn verteidigen mit allen Mitteln und Kräften die uns zur Verfügung stehen. Unsere Soldaten verwalten das Vermächtnis all derjenigen, derer wir heute gedenken.

Kein Satz könnte dies besser zum Ausdruck bringen als die Inschrift, die auf vielen Soldatenfriedhöfen zu lesen ist:

“Unser Opfer ist eure Verpflichtung!”

Der Weg zum Frieden ist lang, mühsam und schwer. Er kann Opfer kosten, ist aber ohne Alternative. Und die Mühen, die er uns kostet, stehen in keinem Verhältnis zu einem möglichen Krieg und seinen verheerenden Folgen.

Auch deshalb spreche ich mich für eine zentrale deutsche Gedenkstätte in Berlin aus. Nicht abgeschirmt im Bendler-Block, sondern an einer öffentlich zugänglichen Stelle - zum Gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft - und der Bundeswehrsoldaten, die im Einsatz ihr Leben ließen, wie ein junger Soldat aus Klein Heidorn, der in Kabul durch einen Terroranschlag ums Leben kam.

Meine Damen und Herren!

Trauer erfährt ihren Sinn dort, wo sie uns nicht in tiefe Resignation versinken lässt, sondern zum starken Antrieb wird, uns auf die Erlebnisse und Erfahrungen der Opfer einzulassen und aus unserer Trauer Anstöße für unser eigenes und politisches Handeln zu empfangen. Denn ein Volk muss mit seiner Geschichte leben und vor allem, muss es versuchen, aus ihr zu lernen. Es muss aus der Vergangenheit mit der Gegenwart für die Zukunft lernen. Und wenn diese Einsicht auch künftig unser Handeln prägt, dann geschieht das ganz im Sinne derer, um die wir heute gemeinsam trauern.