Monika Brüning

Mitglied des Deutschen Bundestages a.D.

Rede im Deutschen Bundestag: Medizinische Versorgung der Bundeswehr an die Einsatzrealitäten anpassen



Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir beraten heute zwei Anträge, welche sich mit der Thematik der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Soldatinnen und Soldaten beschäftigen.

Unsere Soldatinnen und Soldaten leisten eine hervorragende Arbeit. Die Einsätze der Bundeswehr in den verschiedensten Kriegs- und Krisenregebieten der Welt nehmen zu. Hierbei sieht sie sich ständig neuen Einsatzrealitäten gegenüber. Einsatzrealitäten, die insbesondere eine gesteigerte Gefährdungslage mit sich bringen. Dies wird uns derzeit besonders in Afghanistan vor Augen geführt.

Mit der Zunahme der Auslandseinsätze und den damit verbundenen besonderen Anforderungen an die Soldatinnen und Soldaten gehen häufig psychische Belastungen einher. Die extremen Belastungssituationen über Verkehrs- und Minenunfälle bis hin zu Terroranschlägen, mit denen die meist jungen Menschen in Einsätzen im Ausland konfrontiert werden, dürfen nicht unterschätzt werden. Bisher wurden bereits rund 700 Soldaten in Bundeswehrkrankenhäusern wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) behandelt. Das entspricht etwa einem Prozent aller Soldaten, die im Ausland waren. Feldstudien von Streitkräften anderer Nationen (USA, Niederlande, Skandinavien) haben jedoch gezeigt, dass ca. vier bis fünf Prozent aller Soldaten im Einsatz von PTBS betroffen sind. Für die Bundeswehr, eine „Einsatzarmee im Werden“, fehlen noch entsprechende Erhebungen. Darüber hinaus sind die langfristigen Folgen dieser Erkrankung im Zusammenhang mit Auslandseinsätzen der Bundeswehr noch nicht hinreichend erforscht.

Bei der posttraumatischen Belastungsstörung handelt es sich um eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine außergewöhnliche Bedrohung. Nach den beiden Weltkriegen sagte man über Soldaten, die zitterten, nicht schlafen konnten und sprachlos am Tisch saßen, sie hätten das “Kriegszittern” oder eine “Schützengrabenneurose”. Seit dem Vietnam-Krieg ist die Bezeichnung “Posttraumatische Belastungsstörung” ein feststehender Begriff und meint, dass ein Mensch nach einem extrem belastenden Ereignis psychisch erkrankt. Die Symptome von PTBS sind vielfältig. Nicht immer reagiert die Psyche sofort. Manche Soldaten merken erst Jahre nach dem Einsatz, dass sie traumatisiert sind.

Nicht jeder, dem ein potenziell traumatisches Ereignis widerfährt, entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung. Die PTBS entsteht nicht aufgrund erhöhter psychischer Labilität des Betroffenen. Auch psychisch vollkommen gesunde und in sich gefestigte Persönlichkeiten können eine PTBS entwickeln.

Nichtsdestotrotz nimmt die Anzahl der Soldaten, die an einer PTBS erkranken, zu. Viele Soldaten sind betroffen, lassen sich jedoch aus den verschiedensten Gründen nicht behandeln. Auch der Wehrbeauftragte hat diesen nicht unerheblichen Aspekt in seinen Jahresbericht aufgenommen. So berichtet er, dass Wehrpsychologen davon ausgehen: „Viele Soldaten fühlen sich nach wie vor stigmatisiert, wenn sie sich behandeln lassen.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Bundeswehr bereitet ihre Soldaten auf die Einsätze in den Krisenregionen sehr sorgfältig vor. Bei der Vorbereitung verfügt sie auch über ein medizinisch-psychologisches Stresskonzept, durch dessen Hilfe sich die Soldaten darauf vorbereiten, mit Stress und psychischer Belastung umzugehen. Bei auftretenden PTBS wird die Behandlung schwerpunktmäßig im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg durchgeführt, wo 33 Betten in der Abteilung Psychiatrie zur Verfügung stehen. Darüber hinaus stehen im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz weitere 27 Betten und in den Bundeswehrkrankenhäusern Ulm und Berlin 25 bzw. 30 Betten bereit.

Dies reicht jedoch nicht aus. Um den Betroffenen umfassend helfen zu können, besteht weiterhin großer Handlungsbedarf insbesondere bei:

der Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für das Krankheitsbild PTBS ausreichender und umfassender Behandlungskapazitäten und -konzepte der Erforschung des Krankheitsbildes im besonderen Kontext der Auslandseinsätze der Bundeswehr. In den uns vorliegenden Anträgen werden viele richtige Fakten erörtert. Unter anderem wird die Schaffung eines Kompetenzzentrums angedacht. Dies wäre ein möglicher Ansatz. Ich denke jedoch, dass wir keine vorschnellen Maßnahmen ergreifen, sondern zunächst eine umfassende Analyse der Problematik und erforderlichen Maßnahmen vornehmen sollten.

Einen guten Schritt in die richtige Richtung haben wir im vergangenen Jahr im Bereich der Versorgung mit der Verabschiedung des Einsatzweiterverwendungsgesetzes gemacht. Mit dem Gesetz wurden Regelungen für eine Wiedereinstellung in den Fällen vorgesehen, in denen die gesundheitliche Schädigung durch eine Auslandsverwendung erst nach Beendigung des Dienstverhältnisses erkannt wird. Der PTBS wird hier also bereits weitgehend Rechnung getragen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine PTBS belastet nicht nur die Betroffenen, sondern hat auch erhebliche Auswirkungen auf das familiäre Umfeld. Wir dürfen unsere Soldaten und ihre Angehörigen nicht damit alleinlassen. Wir müssen uns deshalb vorrangig der Problematik psychischer Belastungen durch die neuen Einsatzrealitäten der Bundeswehr annehmen. Dies sollte auf einer soliden und umfassenden Analyse basieren.

Die CDU/CSU-Fraktion empfiehlt deshalb die Überweisung beider Anträge an die federführenden Ausschüsse.